Der Dezember schien den Musikgazetten ein passender Anlass, Alben zu den besten ihrer Art zu erheben, die gewisse Glaubensrichtungen des Musikhörens auf fundamentale Weise bedienen.
Am wenigsten überraschend war hierbei natürlich, dass die Visions das Album von
Them Crooked Vultures zum Größten des Dezembers kürte. Das gehört sich einfach mit Blick auf die Kreise der Abonnentenschar, die zumindest zweien der in dieser Band versammelten Musiker uneingeschränkte Loyalität gelobt haben und sich uneinsichtig zeigen, dass Josh Homme nach einem legendären und einem grandiosen QOTSA-Album seinem Tiefpunkt entgegenstrebt und zunehmend unterirdische Posen auf der Bühne zeigt. Angesichts ebendieser zwei Alben hat dieser Mann aber auch bereits eine stramme Lebensleistung hingelegt, die ohnedies seinen Weg in die Hall of Fame geebnet hat. Dass er auf diesem Weg nun noch zwei Allstars-Kumpel mitnehmen möchte, die dem Eindruck eines neuen Josh Homme-Albums nicht allzuviel entgegensetzen, erscheint zunächst recht beliebig, andererseits spürt man beim Durchhören des TCV-Albums doch recht deutlich: So gut wie das hier wird kein neues QOTSA-Werk je wieder werden. ein letztes Aufbäumen vor dem Absturz in die Bon Jovi-Liga. Und von daher ein sehr berechtigtes Album.
Ebenso berechtigt, aber etwas überraschender ist die Begeisterungsbekundung des MusikExpress für das neue Album von
Devendra Banhart, dessen Bart indes Richtung Zivilisation zurückgestutzt wurde und der auch musikalisch seine Verweigerungshaltung gegenüber dem über den Kritikerliebling hinausgehenden Konsens etwas gelockert hat. Auch so reicht es noch für ein queres Album mit netten Steeldrum und Hula-Zitaten, das mir mit jedem Mal besser gefällt. Man wird ja auch älter mit jedem Durchlauf des Albums und nähert sich eventuell auch von daher nach und nach der avisierten Zielgruppe. Akzeptiert, so lange man sich von den Zottelbärten lossagt. Das ist so eine Glaubensfrage, in der unnachgiebig zu bleiben lohnt. Unbedingt.
Mittlerweile habe ich auch in die von der Sex zum Album der November/Dezember-Ausgabe erkorenen CD von
BLK JKS hineingehört, mich phasenweise meines vorschnellen Urteilens geschämt, um letztlich doch bei felsenfester Skepsis zu landen, ob diese Ethnobeimischungen mit Afrikaflavour nun wirklich so ein großes Thema sind wie behauptet wird und ob hierbei der radikalere Weg, dem BLK JKS folgen, die begrüßenswertere Variante ist. Irgendwie auch egal, mir zumindest.
Aber auch ich möchte im Dezember einer Glaubensrichtung folgen und die führt mich zu
Bernd Begemann und die Befreiung - Ich erkläre diese Krise für beendetNatürlich gehörte eine gewisse Unehrlichkeit dazu, gerade Herrn Begemann nicht eine gesunde Portion Sendungsbewusstsein zu bescheinigen, das oftmals seine Grenzen nicht einhalten möchte. Aber irgendwo ist dieser Eindruck mit dem neuen Album entspannter geraten und zu nicht mehr zur Abwertung führendem Restbelang geschrumpft.
Wenn da mal in "Ich identifiziere mich nicht mit der Firmenphiliosophie" die Possen horizontaler Hierarchien angegriffen werden, greift Begemann mitunter zu tief in die Veräppelungskiste, denn Chef Pascal (der mit dem "Du" davor) würde sich hüten, beim Firmenkaraoke ein Stück von Boney M. auszuwählen und sich stattdessen an den Strokes oder Hives die eigene Jugendfühligkeit beweisen. Gleichwohl bleibt der Text hochamüsant und richtig, wie überhaupt das Album eine gute In-die-Zeit-Gesetztheit an den Tag legt, mit Kommentaren zur Zeit, denen man zuhören wie beipflichten mag. Mal, weil sie Altbekanntes nochmals originell anmahnen, mal, weil nie thematisierte Phänomene kongenial aufgreifen, wie der ungestüme Aufbruch- und Gestaltungs- wie Geltungswille der frisch in ihre Uni-Städte einfallenden Erstsemestermäuschen (in "Die neuen Mädchen sind da"):
"Endlich sind wir frei alles zu tun
endlich wird uns jemand interviewen
denn wir hätten ein paar Ideen
Die neuen Mädchen sind hier
Bescheidenes Quartier
ausziehbare Couch, klapp' sie zusammen und nicht wie raus...
Sie rufen: Bahn frei, das geht alles viel zu lahm!"Das ist doch mächtig komisch und klingt auch gut mit der Bandbegleitung. Auch stimmlich geht es in die Breite, womit dem von mir immer als ein Audio-Eyesore empfundenen Quengeltonfall ein breites Spektrum entlastendes Beiwerk geliefert wird. Begemann klingt nun viel seltener wie eine missmutige Abendbegleitung, die uns per Intonation darauf hinweisen möchte, dass sie die Idee hasst, auf dem Weg nach sonstwo noch ein Bier in dieser ohne Frage indiskutablen Kneipe mitzunehmen.
Aber eine Frage bleibt nach wie vor: Wie würde diese Platte klingen, wenn sie von Götz Alsmann eingesungen worden wäre? Ab und an blitzt wie seit eh und je auf, als wenn da eine Stimmbänder-Zwillingsbrüderschaft bestünde.
*Â *Â *Â Soundtrag zum Eintrack:
Bernd Begemann - All deine Netzteile
Kommentare
Sa, 31.07.2010 18:27
1. Es gibt keine Bayer-Empfang shalle 2. Die Berliner Str. f ührt nach Berlin 3. Opladen, daher Opladener und nich [...]
Fr, 30.07.2010 14:00
Happy Birthday! Auf das wir no ch viele Jahre was von Dir hör en.
Fr, 30.07.2010 13:06
Um Gottes Willen, "das Blog" s agen nur Menschen, denen keine andere Wahl bleibt! Es hör t ja jeder sofort heraus [...]
Fr, 30.07.2010 12:04
Sag mal, muss es nicht DAS Blo g heißen?
Fr, 30.07.2010 09:47
Woah! Wann schreibst du das al les?
Do, 29.07.2010 17:37
Herzlichen Dank für den Ausdru ck "Potsdam, dem Neuseeland Be rlins" - da steckt so viel Wah res in diesem Vergleich, [...]
Mi, 28.07.2010 23:12
Yeah. Ilse!
Mi, 21.07.2010 15:16
Aber gerne! Klingt geradezu na ch einem wohnsitzgemäßen Pflic httermin. Hoffe, der Termin pa sst...!
Do, 15.07.2010 11:17
Ja, so ist es in Friedrichshai n seit Jahren. Wer nichts wird , wird Wirt. Und vielleicht m öchte der Autor dieses G [...]
Mo, 12.07.2010 10:04
Geplant nicht, aber irgendwann vermutlich unumgänglich. Leid er aber: nur irgendwann.
Fr, 09.07.2010 11:38
Eine Frage: Ist geplant die Be rlin-Gedichte irgendwann als B uch zu veröffentlichen?
Do, 08.07.2010 11:43
Aha, hatte schon mehrfach verg eblich versucht, dir ein Tausc hangebot zu machen. WM-Bilder und so.
Mi, 07.07.2010 11:49
Dies war ein Notfall! Wegen ei niger Spam-Attacken war die Ko mmentierung der Blog-Beiträge seit März nicht mehr mög [...]
Fr, 05.03.2010 15:07
Nur keinen Streit um hildeshei m! Aber den Vorwurf, es mi r leicht zu machen, muss ich i n Rückbesinnung auf etli [...]
Do, 04.03.2010 23:22
dröge kommentare von einen ver mutlich überhaupt sehr drögen hildesheimer. ich freue mich i mmer über die berliner r [...]